Störung des Sozialverhaltens: Behandlung

Störung des Sozialverhaltens - Behandlung (© Photographee.eu / stock.adobe.com)
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Was gilt als Störung des Sozialverhaltens?

Kinder und Jugendliche verhalten sich oft aufsässig. Sie sind respektlos, oppositionell und aggressiv. Sie grenzen sich gegen die Erwachsenenwelt ab und lehnen sich gegen Autoritäten auf. Miteinander gehen sie aus opportunistischen Gründen wechselnde Allianzen ein. Sie verhalten sich zuweilen ruppig und auffällig, um jemandem zu imponieren. Hahnenkämpfe unter männlichen Jugendlichen sind an der Tagesordnung. Weibliche Kids nutzen eher verbale Mittel wie Spott, um sich durchzusetzen.

Im Kindesalter leiden viele Kinder unter erzieherischen Maßnahmen, die sie ungerecht finden oder nicht verstehen. Im Jugendalter macht den jungen Menschen die Pubertät zu schaffen. Innere Konflikte werden dann oft als aggressives und aufsässiges Verhalten ausgelebt. Als Störung des Sozialverhaltens werden jedoch nur folgende Verhaltensweisen gewertet:

  • systematischer Ungehorsam, Aufsässigkeit
  • Streitsucht und tyrannisches Verhalten
  • Häufung schwerer Wutausbrüche aus nichtigen Anlässen
  • Grausamkeit gegenüber Schwächeren, z. B. Kindern oder Tieren
  • erkennbarer Zerstörungstrieb, Hang zur Destruktivität
  • Zündeln mit dem Risiko, einen Brand auszulösen
  • Diebstähle im größeren Ausmaß
  • Lügen und Leugnen jeglicher Verantwortung
  • regelmäßiges Schwänzen der Schule
  • und wiederholter Ausbruch aus der Familie.

In der Regel sind mehrere solcher Verhaltensauffälligkeiten bei den sozial auffälligen Kids zu finden. Entscheidend sind Häufigkeit und Ausmaß, zuweilen aber auch die dahinterstehende Intention. Diese kann in Rache und Hass oder einem Hang zur Boshaftigkeit und Grausamkeit bestehen. Der Mangel an Einsicht oder Reue ist auffällig. Schon eine der oben genannten Auffälligkeiten kann zu der Diagnose einer Verhaltensstörung führen, wenn sie in gravierendem Umfang registriert wird.

Störung des Sozialverhaltens: Behandlung | (youtube.com/watch?v=6yYr_gtufkY)

Jugendliche, die zum Brandstifter werden, weil sie zündeln, oder die aus Wut auf die Mutter mehrere Autos zerkratzen, werden bei Nichtbeachtung dieser gravierenden Verhaltensauffälligkeit leicht zum Straftäter. Hingegen wird ein Junge, der der Mutter zwei Euro aus dem Geldbeuten stibitzt, nicht damit gleichgesetzt. Er verhält sich zwar in diesem Moment dissozial, ist aber im Sozialverhalten ansonsten nicht gestört. Zu unterscheiden sind geplante Kaufhausdiebstähle von gelegentlichem Groschen-Klau bei der Mutter, sowie Schulhofprügeleien von einem Hang zur Gewalttätigkeit gegen andere.

Die interessante Frage ist also immer, wann es sich noch um normales Verhalten oder einmalige Entgleisungen handelt – und wann eine Persönlichkeitsstörung oder eine behandlungsbedürftige Störung des Sozialverhaltens vorliegen. Wenn die Wutausbrüche gegen Erzieher und Eltern sich häufen und der Jugendliche sich durch seine blinde Aggressivität und Zerstörungswut selbst in Gefahr bringt, besteht Handlungsbedarf. Oft fühlen sich die Betroffenen von ihrer eigenen Aggressionsbereitschaft überfordert.

Die Komorbidität zu ADHS ist zu beachten. Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird ebenso oft wie der häufige Substanzmittelmissbrauch bei Jugendlichen zum Anlass für dissoziales Verhalten. Eine erhöhte Komorbidität ist auch bei Depressionen, Angststörungen oder Phobien gegeben (vgl. auch: Umgang mit Angst bei Kindern). Gleiches gilt bei Suizidgedanken oder paranoiden Vorstellungen.

Quellen:

Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen

Ursachen für eine Störung des Sozialverhaltens bei Kindern und Jugendlichen können in diversen Zusammenhängen gefunden werden. Biologische Faktoren wie das Geschlecht, das dadurch gegebene Aktivitäts- und Aggressionsniveau oder Co-Faktoren wie Rauchen und Alkoholgenuss können ebenso für dissoziales Verhalten auslösend sein wie Konflikte im familiären Umfeld. Inkonsequentes Erziehungsverhalten, mangelnde pädagogische Fähigkeiten oder Aggressivität der Eltern, niedriger sozialer Status, Arbeitslosigkeit oder Alkoholismus des Hauptverdieners tragen zu Verhaltensstörungen beim Nachwuchs bei.

Auch das allgemein aggressive Klima im schulischen Umfeld, mangelnde pädagogische Betreuung, autoritärer Stil bei Lehrern oder der Schultyp geben Einflüsse in Richtung auf Verhaltensstörungen ab. Zudem bringen die auffälligen Kinder und Jugendlichen oft auch psychische Vorbelastungen mit. Sie fallen durch eine unzureichende Impulskontrolle auf und können ihre frustrierten Gefühle nicht kontrollieren. Sie haben häufig eine verzerrte Wahrnehmung von Erlebnissen oder menschlichen Eigenschaften. Sie lösen Probleme mit ungeeigneten Strategien. Ihnen mangelt es an Empathie und Einfühlungsvermögen. Sie haben außerdem eine niedrige Frustrationstoleranz.

Behandlung / Therapie von Störungen des Sozialverhaltens | Auffälliges Verhalten von Kindern aus systemischer Sicht
(youtube.com/watch?v=ul2nSwkrgws)

Addiert sich zu einigen dieser Faktoren eine auffällig aggressive Gruppe Gleichaltriger, denen der Heranwachsende sich zugehörig fühlt, wird die Peergroup ebenfalls Einflüsse in Richtung Sozialverhaltensstörungen hinterlassen. Wer in der Schule nicht integriert ist, sozialem Druck unterliegt oder durch Medieneinfluss zur Aggressivität angeleitet wird, unterliegt ebenfalls der Gefahr, durch Sozialverhaltensstörungen aufzufallen. Klar ist jedoch, dass Heranwachsende in einem bestimmten Alter durch oppositionelles Trotzverhalten, gelegentliches Lügen, verbale und körperliche Aggressivität mit Gleichaltrigen oder kleine Diebstähle auffallen.

Solche Vorkommnisse sind meist als normale Entwicklungsphasen anzusehen, wenn sie im Rahmen bleiben. Kinder und Jugendliche nutzen solche Aktivitäten, um Grenzen auszutesten. Sie wollen ihren Einflussbereich mehren oder ihre Identität entwickeln. Die meisten Kinder und Jugendlichen können ihr Fehlverhalten anschließend einsehen. Sie empfinden Reue und verstehen, wie schädlich das aggressive und oppositionelle Verhalten für sie selbst oder andere ist. Manches, was anfangs als dummer Scherz gedacht war, wächst sich plötzlich zu etwas anderem aus. Nicht immer können die Mitwirkenden sich dann von den anderen abgrenzen, indem sie einfach weggehen. Sie verlieren dadurch an Ansehen in der Gruppe. Viele Betroffene bekommen ihre aggressiven Persönlichkeitsanteile nach und nach besser in den Griff.

Manchen Kindern und Jugendlichen gelingt aber nur eine mangelhafte Impulskontrolle. Erleben diese Kinder durch ihr Verhalten Erfolg in der Peergroup, fühlen sie sich darin bestärkt, weiterhin aggressiv und aufsässig aufzutreten. Das individuelle Temperament des Kindes hat eher wenig Einfluss darauf, dass aus gelegentlicher Aggressivität eine Störung des Sozialverhaltens wird. Zudem können Eltern, Lehrer, Betreuer und Erzieher, ältere Geschwister, Freunde und andere Bezugspersonen Einfluss auf die verhaltensauffälligen Kinder und Jugendlichen nehmen. Wenn Problemkinder aus persönlichem Desinteresse, Stress oder Zeitmangel auf sich allein gestellt bleiben, kaum soziale Unterstützung genießen und psychische Probleme entwickeln, sind ihre Chancen, soziale Kompetenzen auszubilden, schlecht.

Eltern, die depressiv, psychisch krank oder gewalttätig sind, oder als Alkoholiker oder Drogenabhängige keinen angemessenen Rahmen für die Erziehung eines Kindes bieten, tragen mit zu den Verhaltensauffälligkeiten ihres Nachwuchses bei. Die Kinder haben in solchen Eltern keine positiven Vorbilder. Zudem kennen sie keine sozialen Normen und Verhaltensregeln. Sie erleben keine Strukturen, die ihnen einen seelischen Halt bieten. Die Eltern scheinen selbst unfähig zu sein, ihren Problemen angemessen zu begegnen. Zudem belasten sie die Psyche der Kinder durch ihre Probleme über die Maßen damit. Manche Kinder müssen den Geschwistern die Mutter ersetzen, weil die eigene Mutter jeden Tag sturzbetrunken auf dem Sofa liegt. Andere Kinder müssen ihre kleinen Geschwister vor dem gewalttätigen Vater schützen. Strukturen und Sicherheit sind aber nicht nur für hochsensitive oder von ADHS betroffene Kinder wichtig.

Männliche Jugendliche orientieren sich unter unguten Bedingungen eher an ihrer Peergroup als an den inkompetenten Eltern und desinteressierten Geschwistern. Mädchen suchen bei einer besten Freundin Trost und Nähe. Wenn deren Familie intakt ist, kann das hilfreich sein. Allerdings ist das Aggressivitätspotenzial an manchen Schulen so hoch, dass auch Mädchen ein Messer mit sich tragen. Die Gewaltbereitschaft und das Konfliktpotenzial an Schulen werden durch den hohen Anteil an Kindern aus anderen Ländern mit anderen Frauen- und Weltbildern oder anderen religiösen Vorbildern nicht gerade entschärft. Die Diagnose „Störung des Sozialverhaltens“ wird heute jedenfalls deutlich häufiger gestellt als vor 30 oder 50 Jahren.

Quellen:

Behandlung von Störungen des Sozialverhaltens

Wenn eine erhebliche Störung des Sozialverhaltens nach einer Behandlung verlangt, hat das fortgesetzt dissoziale Verhaltens des Jugendluchen Anlass dazu gegeben. Ob der Betroffene zu einer Therapie bereit ist, ist aber fraglich. Oftmals fehlt jegliche Einsicht in die Problematik. Ungeachtet dessen kann eine entsprechende Diagnose gestellt worden sein.

Ungehorsam im Jugendalter ist erwartbar. Es ist aber nicht immer ein Symptom von behandlungsbedürftigen Sozialverhaltensstörungen. Gleichwohl kann ein anfangs harmloses Störungsbild sich bei ADHS-Betroffenen zu einer hyperkinetischen Störung des Sozialverhaltens auswachsen, wenn nicht frühzeitig genug gegengesteuert wird. Dafür sind Erzieher und vertrauenswürdige Bezugspersonen wichtig – zum Beispiel ein Betreuer in einer Jugendeinrichtung. Regelmäßige Wutausbrüche und Gewalt gegen andere sind aber Symptome, die alarmieren sollten. Liegen entsprechende Risikofaktoren vor, sollten die vorliegenden Symptome zu einer Therapie führen. Diese kann gegebenenfalls auch von einem Jugendgericht zur Auflage gemacht werden.

Störung des Sozialverhaltens - Behandlung (© Photographee.eu / stock.adobe.com)
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Je frühzeitiger nach der Diagnose zielführende Maßnahmen eingeleitet werden, desto erfolgreicher verläuft die Behandlung. Je nachdem, wie die Symptome klassifiziert wurden, können ein Anti-Aggressions-Training, eine Familientherapie, eine Verhaltenstherapie oder eine Gesprächspsychotherapie verordnet werden. Zuständig für die Behandlung dieses Störungsbildes ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Thema der Anamnesegespräche sind zunächst die Beziehungen in der Familie, der Peergroup, der soziale Druck in der Schule oder andere Risikofaktoren, die Wutausbrüche und sozial gestörte Verhaltensweisen ausgelöst haben. Die Frage für den Therapeuten ist, ob eine Verhaltensstörung, eine Persönlichkeitsstörung oder eine psychische Erkrankung das Störungsbild begünstigt oder ausgelöst haben.

Die Komorbidität mit ADHS lässt auch auf eine hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens schließen. Im Rahmen der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie oder Jugendpsychiatrie wird meist eine Verhaltenstherapie als erfolgreichste Behandlung angesehen. Begleitend kann eine Therapie mit Medikamenten als zweckdienstlich erscheinen. Die Jugendlichen müssen lernen, Konflikte und Probleme ohne Wutausbrüche und Gewalt zu lösen. Ob die Eltern in die Behandlung einbezogen werden, ist unterschiedlich. Es ist aber meist sinnvoll. Ist das Elternhaus die hauptsächliche Ursache für das aggressive Verhalten, kann zum Schutz des oder der Jugendlichen eine außerfamiliäre Unterbringung erwogen werden. Erzieher und Betreuer übernehmen dann die Aufgaben, die eigentlich von den Eltern hätten geleistet werden müssen.

In Kindergärten und Schulen müssten heutzutage mehr präventive Maßnahmen darauf ausgerichtet sein, jungen Menschen soziales Verhalten beizubringen. Insbesondere in sozialen Brennpunkten ist das Gewalt- und Aggressionspotenzial hoch.

Störung des Sozialverhaltens Behandlung | Weitere Quellen:

  • neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugendpsychiatrie-psychosomatik-und-psychotherapie/stoerungen-erkrankungen/stoerungen-des-sozialverhaltens/therapie-und-hilfsmassnahmen/
  • angst-verstehen.de/jugendpsychiatrie-was-wann-wie/
  • de.wikipedia.org/wiki/Kinder-_und_Jugendpsychiatrie_und_-psychotherapie
  • adhspedia.de/wiki/Hyperkinetische_St%C3%B6rung_des_Sozialverhaltens